Ich glaube an die normative Kraft des Faktischen

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China - Tibet - Nepal 2012

So lautet der offizielle Titel unserer ersten Reise nach einem Jahr Durcharbeiten im neuen Job. Blöderweise haben wir den Urlaub sehr genau mit der Reise abgestimmt, wodurch weder zum Vorbereiten noch zum Nachbereiten (Sortieren der Fotos, Erstellung des Reiseberichts aus den gesammelten Stichworten) viel Zeit übergeblieben ist. Anyway - die Reise war die Strapazen wert.
Vorwort

Aufgrund von beruflichen Zugeständnissen mussten wir den sonst üblichen Winterurlaub (im Februar) auf Juni verschieben, was eigentlich gegen unsere Absicht ist, denn im Juni gibt es auch bei uns reichlich Möglichkeiten die Natur zu genießen, da muss man keine Fernreise starten. Deshalb wollten wir umdisponieren und der Jahreszeit entsprechend, mittels Hurtigruten endlich den Norden Europas, inklusive Nordkap und Mitternachtssonne, besuchen. Leider waren wir dafür schon ziemlich spät dran und auch die Preise für eine solche Reise waren mehr als nur saftig.

Bei Hofer-Reisen fanden wir eine völlig andere Destination: China - Tibet - Nepal, welche genau zum Zeitpunkt unseres genehmigten Urlaubs im Juni stattfinden sollte. Da China, aber eher die Variante mit Shanghai und dem Drei-Schluchten-Damm, eh schon auf der Liste der unbedingten Urlaube stand, fiel uns die Entscheidung nicht sonderlich schwer.

Die Vorbereitungen darauf waren jedoch stümperhaft, da wir uns zwar ein bisschen mit China aber nicht wirklich mit Tibet und Nepal beschäftigt hatten, was uns letztendlich dann aber besser gefallen hat als das Land der Mitte. Auch haben wir uns nicht wirklich intensiv mit den politischen Vorgängen in Tibet auseinandergesetzt, wodurch wir mehrmals mit zunächst unerklärlichen Vorgängen konfrontiert wurden.
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Do, 7. Juni - Anreise

Unspektakuläre Anreise via Doha (ja, hab ich selbst googeln müssen um zu erfahren, dass das die Hauptstadt von Quatar ist) mit Quatar Airlines. Auch der Flughafen von Doha ist wenig spektakulär, also kein Vergleich mit dem bombastischen Dubai-Airport, weshalb die 3 Stunden Wartezeit eher dem Warten als dem Duty-Free-Shoppen gewidmet waren.

Das Fotografieren aus dem Flugzeug heraus ist nicht so meine Sache, denn viel zu viel Qualität wird durch die meist schmutzige und spiegelnde Verglasung vernichtet. Wenn man aber beim Landeanflug auf Peking über die große Mauer segelt, dann geht Motiv natürlich über Qualität.
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Fr, 8.Juni - Ankunft Peking, 798, Abendessen

K.O. von 13 Stunden Flug und über 7 Stunden Warten, erreichen wir Peking, lernen unsere Reiseführer kennen: in Peking betreut uns Lucy, so ihr touristenfreundlicher neuer Vorname, der alte war unaussprechlich und ich habe ihn längst vergessen. Im gesamten Reiseverlauf wird uns Peng (auch touristentauglich vereinfacht) zusätzlich coachen. Und so machen wir uns mit ca. 20 weiteren Mitreisenden auf zur ersten Besichtigung: dem Kunst/Künstler-viertel 798, welches zwischen Flughafen und Innenstadt schnell erreicht werden kann, und wo wir endlich unsere verkrüppelten Beinmuskeln refreshen können. Teilweise höchst interessante Kunstwerke werden in unzähligen Verkaufslokalen, welche in alten Industrieanlagen angesiedelt wurden, feilgeboten, Highlight ist aber dennoch eine alte chinesische Dampflok.

Interessiert erwarten wir dann das erste echte chinesische Abendessen, wo wir endlich Gelegenheit haben herauszufinden, ob "unsere" chinesische Küche, der echten chinesischen Küchen entspricht. Das Ambiente ist vielversprechend, aber es gibt zahlreiche "Langnasen" als Kunden, und wir werden enttäuscht: das Essen entspricht "unserer chinesischen" Küche, es ist also nur ein Touristenlokal. Wir essen dennoch ganz gut und trinken dazu "Pischu", was soviel wie "Bier" heißt.
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Sa, 9. Juni - Chinesische Mauer, Sommerpalast und Vogelnest

Aufstehen um 6:30, Abfahrt um 8:00, das ist unser neuer Tagesrhythmus, der vermutlich in den nächsten Wochen nicht wesentlich geändert wird. Es geht mit dem Bus nach Badaling, wo die chinesische Mauer besonders schön ausgebaut bzw. renoviert ist. Bei herrlichem Sonnenschein und deutlich über 30 Grad erkunden wir als echte Alpenbewohner natürlich die steilere Seite des in einer Tallage liegenden Teilstücks. Offenbar ist jedoch dieser Abschnitt nicht nur bei ausländischen Touristen sehr beliebt, sondern auch bei den Chinesen selbst, welche in Massen auftreten. Völlig unter uns "langnasigen" Touristen sind wir beim anschließenden Mittagessen, welches vom Reiseveranstalter wohl so gewählt wurde, dass wir nicht nur "europäisch-chinesisches" Essen bekommen, sondern damit wir auch im Shop im Erdgeschoß (für die Chinesen ist das der erste Stock) noch zahlreiche Souvenirs kaufen können. Die 2,5m hohe Vase um umgerechnet €30.000 dürfte dabei weniger als Mitbringsel gedacht sein.

Es bleibt auch nicht viel Zeit zum Verschnaufen, denn der nächste touristische Leckerbissen wartet: der Sommerpalast der Kaiserin, eigentlich eher einer gebährfreudigen Konkubine, die dem Kaiser den ersten Sohn gebar. Trotz der Weitläufigkeit der Anlage wandern die Touristen eng gedrängt durch den längsten Wandelgang der Welt von über 700m. Beeindrucken sind auch die zahlreichen Tretboote und die Barken nachempfundenen Schiffe am künstlich angelegten See, welche fast ausschließlich von Chinesen manövriert werden.

Zurück ins 21. Jahrhundert geht es dann beim Besuch des "Vogelnests", dem legendären Stadion wo 2008 die Olympischen Sommerspiele mit gewaltigem Pomp eröffnet wurden. Traurigerweise scheint das Stadion nicht mehr benützt zu werden, denn im Rasen klafft ein 30x30m großes Loch, ein Bagger steht am Rasen und Lucy unser Guide meint, dass man in Peking den Monumentalbau schon wieder gerne weg hätte, um dort neue Wohnhäuser und Büros zu bauen ... Wir bleiben übrigens etwas länger als geplant im "Vogelnest" da wir ein Gewitter abwarten müssen, bevor wir weiter zu einer Teeverkostung, natürlich mit anschließender Verkaufsveranstaltung, weiter reisen.

Den Abschluss des Tages bildet das obligate aber fakultative "Pekingente Essen", wo bei Bier und Reiswein, unter anderem, 3 Enten verzehrt werden.
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So, 10.Juni - verbotene Stadt, Fahrt nach Xi'an

Am dritten Tag geht es dann mit dem Bus zum neuen Nationaltheater, einem chinesisch-kommunistischen Prunkbau, der neben seiner imposanten oberirdischen Gestalt auch noch 11 Stockwerke in die Erde hineinreicht, aber dennoch selten benützt wird - böse Zungen behaupten, ein KP-Funktionär hätte ihn seiner Geliebten, einer Opernsängerin, zu liebe bauen lassen. All das gibt einen Vorgeschmack auf die dann folgenden KP-Prunkbauten am Tian'Amen Platz. Der "Großen Halle des Volkes", dem chinesischen Parlament, steht auf der anderen Seite des Tian'Amen Platzes das chinesische Nationalmuseum gegenüber. Dazwischen am Tian'Amen-Platz befindet sich die Statue der Volkshelden und das Mao-Mausoleum. Unterquert man dann die "Chang'An Jie", die für Militäraufmärsche benützte Prachtstraße Pekings (angeblich 50km lang), dann landet man in der "Verbotenen Stadt", der ehemaligen Residenz des chinesischen Kaisers, welche aber seit 1949 mit der Visage von Mao-Zedong "geschmückt" ist. Hat man diesen gruseligen Eingang überwunden, dann befindet man sich, gemeinsam mit tausenden Touristen, im historischen kaiserlichen China. Die Anlage ist weitläufig und die Regeln, wer wo wohnt, wer wie weit gehen darf wer den Kaiser ansprechen durfte lassen die stattgefunden Revolution durch die KP nicht unbegründet.

Da auch diesmal die Sonne unser ständiger Begleiter ist, freuen wir uns auf das klimatisierte Restaurant wo es neben europäisch-chinesischem Essen auch gekühlte amerikanische Zuckergetränke gibt. Bitterer Beigeschmack: die Aquarien, wo die "frischen" Fische gehalten werden, beherbergen mittlerweile auch ein paar weniger frische Fischkadaver, welche ebenso ungustiös sind, wie die danach gezeigte Öffnung von Zuchtperlen im Rahmen des Besuchs der Perlenzucht. Wir kaufen nichts und verlassen vorzeitig die Verkaufsveranstaltung, wodurch wir ein paar US-College Studenten treffen, welche behaupten, dass derzeit keine ausländischen Touristen nach Tibet einreisen dürfen, da sich mehrere Mönche aus Protest gegen die chinesische Okkupation öffentlich verbrannt hätten. Uns schwant Schlimmes ...

Die letzten Stunden unseres Pekingaufenthalts verbringen wir mit dem Besuch des Himmelstempels, wo wir endlich mehr Einheimischen als Touristen begegnen, da der vorgelagerte Park ein beliebter Treffpunkt von chinesischen Pensionisten ist, die sich zum gemeinsamen Go-Spiel, Tai-Chi und zum Verkuppeln ihrer beruflich völlig ausgelasteten Kinder treffen. Ebenso typisch chinesisch scheint dann der Markt zu sein, wo wir auf mehreren Etagen chinesische Konsumgüter, allen voran Bekleidung erwerben können. Beim Handeln landet man selten über 30% vom ursprünglich ausgerufenen Preis, sodass unsere Koffer schon am dritten Tag am Ende ihrer freien Kapazität angelangt sind.

Bevor es dann zum Pekinger Westbahnhof geht, wo wir den Nachtzug nach Xi'an nehmen, erholen wir uns für etwa eine Stunde in einem der zahlreichen Pekinger Parks namens "Shi Cha Hai" (zumindest der dortige See soll so heißen). Trotz des anstrengenden Besuchsprogramms ist mit der Abfahrt des Zuges gegen 22:00 der Tag noch nicht zu Ende, denn bei ein paar Flaschen chinesischem Bier (0,25l mit ca. 3% Alkoholgehalt um umgerechnet 2 EUR) lässt sich eine gewisse Bettschwere auch antrinken - sofern der Zug genügend Flaschen mitführt. Letztendlich kann sich der Bahnkellner über ausreichend Trinkgeld und den Ausverkaufs des Biervorrats freuen.
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Mo, 11.Juni - Xi'an

Bahnfahren ist sicherlich weniger anstrengend als mit dem Bus durch die Gegend zu tuckern. Nach der Nachtfahrt im Liegewagen des Peking-Xian Express freut sich aber jeder auf das Hotelzimmer zum Waschen, Zähneputzen und Frühstücken, obwohl die beim Bahnhof vorbeigehende Stadtmauer (13,5 km lang!) so richtig Lust auf eine Besichtigung macht. Unsere Reiseleiter Peng, der diesmal auch der lokale Reiseleiter ist, schont uns mit dem heutigen Reiseprogramm und so marschieren wir auf eigene Faust durch die Innenstadt, quer durch den moslemischen Markt hin zum Trommel- und Glockenturm der Stadt. Erstes gemeinsames Ziel ist dann die Wildganspagode welche neben der Stadtmauer ein Wahrzeichen von Xian ist. Bei der anschließenden Tai-Chi-Vorführung mutieren ein paar Mitglieder unserer Reisegruppe vom Beobachter zum aktiven Tai-Chi-Tänzer.

Mittlerweile wissen wir, dass Essen in China, trotz gegenteiliger Aussage von Peng, nicht zu den lokalen Highlights gehört (ebenso wie die meisten chinesischen WCs), und das heutige Mittagessen in einem Varietetheater untermauert diese Feststellung. Allerdings ist uns das relativ egal, denn die Sehenswürdigkeiten wiegen dieses Manko auf, und nach dem Besuch eines Kindergartens (ich glaube nun, dass man in chinesischen Kindergärten mehr lernt als bei uns in Volksschulen) bereiten wir uns schon auf das fakultative Abendessen vor.

Man muss nur über das Essen schimpfen, dann wird es gleich besser: nach dem, im Abendprogramm enthaltenen, 18-gängigen Maultaschenessen, einer lokalen Spezialität, und dem inkludierten Nudelorakel erscheint China wie ein Feinschmeckerparadies. Aber auch die anderen Sinne werden geschmeichelt: im Rahmen einer täglichen öffentlichen Lichtershow werden Lichteffekte, Springbrunnen und musikalische Elemente so kombiniert, dass man tief beeindruckt den Chinesen zu dieser Kulturperformance gratulieren möchte. Den Abschluss des Abends macht dann ein Besuch des Südtores der Stadtmauer, wo sich, ähnlich wie in Peking, ältere Chinesen zur gemeinsamen Freizeitgestaltung, diesmal ist es singen und tanzen, treffen.
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Di, 12.Juni - Xi'an

Kein Chinabesuch ohne Besuch der Terrakotta-Armee von Xian! Angeblich war Xian, vor der Entdeckung der Grabbeigaben aus der ersten Ming-Dynastie eine unbedeutende Millionenstadt in China (und davon gibt es reichlich!), nun ist sie Teil des Pflichtprogramms.

Das Gelände ist riesig, und wenn die Aussagen stimmen, dann befinden sich noch zahlreiche Krieger auf dem Gelände unter der Erde. Oberirdisch gibt es gerade mal 3 Hallen, die erbaut wurden damit man darunter die Krieger ausbuddeln, restaurieren und dann präsentieren kann. Man ist zweifellos beeindruckt von der Menge der Krieger, den Details und der Aufbereitung, man weiß aber, dass das Gebiet noch einige Jahrzehnte als Ausgrabungsort dienen wird. Insbesondere im noch nicht freigelegte Mausoleum des Gründers des chinesischen Kaiserreichs, Kaiser Qun Shi Huangdi, werden noch zahlreiche Schätze vermutet (unter anderem ein See aus Quecksilber - hoffentlich erfährt Greenpeace nichts davon). Nach Besichtigung der echten Krieger ist natürlich auch ein Besuch im Souvenirladen notwendig, wo es Replikas der Krieger in allen Größen zu kaufen gibt. Darüberhinaus unterschreibt der letzte noch lebende Entdecker (im Jahr 1974) der Grabanlage das offizielle Ausstellungsbuch mit dem Titel "Macht im Tod", sofern man es um umgerechnet 20 EUR vor Ort kauft.

Souvenirs ganz anderer Art, aber nicht weniger chinesisch, gibt es es dann am Heilkräutermarkt zu kaufen, nämlich Schildkrötenpanzer, getrocknete Skorpione oder Schlangenhaut. Und wer auch dort kein Souvenir ergattert, der kann anschließend beim Besuch der Jadefabrik eine typische Erinnerung an China erwerben.

Nach dem reichlichen Programm steht uns der Abend zur freien Verfügung, allerdings mit dem Hinweis, dass der morgige Weckruf bereits um 5:00 erfolgen wird, da das Flugzeug nach Xining um 8:00 abhebt.
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Mi, 13.Juni, Xining

Wie bereits angekündigt, erfolgt der Weckruf um 5:00, Frühstück gibt's um 5:30, Abreise ist um 6:00, das Einchecken am Flughafen in Xian geht rasch und auch der Flug nach Xining ist nach etwas mehr als einer Stunde erledigt. Wir landen also vor 10:00 in der Millionenstadt Xining, welche nur deshalb von touristischer Bedeutung ist, weil die Lhasabahn von hier ihren Ursprung nimmt. Laut Reiseführer hat Xining auch nur ein Wahrzeichen: die große Moschee, welcher auch unser erster Besuch gewidmet ist. Beim anschließenden Bummel durch den Markt wird die Idee geboren das Museum der Stadt zu besuchen, welches in einem Prunkbau am riesigen Platz der Stadt beheimatet ist. Leider ist auch dieser Prunkbau nur ein Prunkbau, denn im Museum ist unsere Gruppe über längere Strecken völlig alleine zu Besuch. Inhalt der Ausstellung ist die Entwicklung von Xining seit ca. 5000 v.Chr, wobei einige der gezeigten Ausstellungsstücke zb. Kochtöpfe noch vor kurzer Zeit von der Bevölkerung in Verwendung gewesen sind. Erst die angereisten chinesischen Historiker haben den Wert der Kochgefäße richtig erkannt.

Nach dem selbst organisierten Mittagessen (um umgerechnet 3,5 EUR für 2 Personen gab es ausgiebig Nudelsuppe und lokale Getränke) haben wir uns für den Besuch des örtlichen Zoos entschieden, was im Nachhinein ein zweischneidiges Schwert ist: einerseits werden Tiger, Wölfe und Bären im Freigehege präsentiert (man fährt mit einem Bus wenige Meter an den Tieren vorbei) andererseits verschlägt es einem beim Anblick der beiden Schneeleoparden im weniger als 30m2 großen Betongehege die Sprache. Ja, man ist wütend und traurig zugleich, dass man diese seltenen Tiere (als Apple-User hat man zu diesen Wildkatzen sowieso eine innige Beziehung) so wenig artgerecht überhaupt halten kann.

Beim anschließenden gemeinsamen Abendessen werden wir behutsam auf ein Problem unserer Reise hingewiesen: wir dürfen den Mt.Everest nicht besteigen. Dieser Punkt wäre für die meisten Mitglieder unserer Gruppe ein Highlight gewesen, aber ohne dem Sanktus der chinesischen Politik sei das eben nicht möglich (die zahlreichen Polizeikontrollen in der Gegend um den Mt.Everest beweisen uns später die Unmöglichkeit überhaupt nur in dessen Nähe zu gelangen). Es bleibt aber nicht viel Zeit zum Diskutieren, denn es ist noch notwendig, sich mit Essen, Trinken und Klopapier einzudecken bevor es auf die 24-stündige Zugfahrt nach Lhasa geht. Beim Einkaufen von Essen beschränken wir uns hauptsächlich auf Kekse und Obst und verzichten einhellig auf den Erwerb der feilgebotenen geräucherten Ratten, da uns deren Nagezähne unappetitlich erscheinen.

Kurzes Einchecken am Bahnhof, Passage zahlreicher Polizeikontrollen, dann endlich kann die Fahrt erster Klasse nach Lhasa im Schlafwagen erfolgen. Da der Tag in Xining recht anstrengend und lang ist, ist kein Bier notwendig um die notwendige Bettschwere zu erlangen und so ruckelt die Lhasabahn mit den österreichischen Touristen gemütlich durch die Nacht.
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Do, 14.Juni - Zugfahrt nach Lhasa

Die ersten Sonnenstrahlen wecken uns in etwa 2800m Seehöhe kurz vor Golmud, wo wir gegen halb Acht eintreffen und wo anstelle der E-Lok eine Diesel-Doppellokomotive unserem Zug vorangestellt wird, damit die anschließenden Pässe mit über 5000m Höhe überhaupt bewältigt werden können. Dies ist gleichzeitig eine der wenigen Möglichkeiten den Zug während der 24-stündigen Fahrt kurz zu verlassen, frische Luft zu schnappen und die Füße zu entkrampfen.

Ansonsten ist die Fahrt eher gemütlich, man hat sich einiges zu erzählen, genießt die Aussicht auf die bizarre Permafrostlandschaft und die zahlreichen Tiere, wie Yaks, Gazellen und Lamas und wartet gespannt auf den Moment wo einem höhenbedingt die Luft wegbleibt. Die Luft wird zwar dünner, aber der Einsatz von zusätzlichen Sauerstoff, aus der Düse im Abteil, ist gottseidank nicht nötig und so fährt man in 5067m Seehöhe über den Tang-Gu-La Pass, dem höchsten Punkt der Lhasabahn und freut sich auf die Ankunft in der Hauptstadt von Tibet.

Gegen 21.30 ist es soweit, aus der Ferne kann man sogar schon den hellbeleuchteten Potala-Palast erkennen, man trifft in Lhasa ein, wo zahlreiche Polizisten die ankommenden Touristen genau inspizieren, ob wohl nichts antichinesisches importiert wird. Uns ist das jedoch egal, wir schauen eher, dass wir so schnell wie möglich in Hotel kommen. Unser neuer lokaler Reiseleiter Tensing bringt uns auch rasch dorthin mitten ins Zentrum von Lhasa.
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Fr, 15.Juni - Lhasa, Potala-Palast, Jokhang-Kloster

Etwas relaxter als in den letzten Tagen geht es heute erst gegen 11:00 Uhr zum ersten Besuchstermin dem Potala-Palast. Als Sitz des Dalai Lamas, bis 1959 auch des heute in China so verhassten 14. Dalai Lamas Tenzin Gyatso, ist dieser Palast eines der wesentlichen Heiligtümer des Buddhismus, dessen Anhänger von Früh bis Spät mit einer Gebetsmühle "bewaffnet" im Uhrzeigersinn um das Bauwerk spazieren. Bevor unserer Gruppe jedoch Einlass gewährt wird sind zahlreiche Formulare auszufüllen, abzugleichen und zu stempeln. Trotz des gewaltigen Aufwands zum Eintreten in den Palast herrscht dort absolutes Fotografierverbot, wobei es uns nicht klar ist ob es politische, wirtschaftliche, religiöse oder kunsthistorische Gründe sind, die dazu geführt haben. Anyway, es gibt keine Fotos innerhalb des Palastes.

Lhasa liegt übrigens auf ca. 3700m Höhe, der Potala-Palast nochmals 113m höher, was nicht erwähnenswert wäre, wenn man dies nicht doch spüren würde. Ein schneller Aufstieg zum Potala-Palast wird ebenso vermieden wie jede andere körperliche Anstrengung, denn der darauffolgende Schmerz in der Lunge ist höchst unangenehm. Deshalb sind wir auch recht zufrieden, dass wir nach dem europäisch-tibetianischen Mittagessen eine gute Stunde im Hotel relaxen können, bevor wir zum zweiten Heiligtum des Buddhismus gehen. Ja, gehen, da der Jokhang-Tempel nur wenige hundert Meter vom Hotel entfernt ist. Aber so einfach kann man dorthin nicht gehen, denn am Platz vor dem Tempel haben sich in den Wochen zuvor einige Mönche durch Selbstverbrennung das Leben genommen, und so werden wir vor Betreten des Platzes wie beim Check-In im Flugzeug durchsucht. Dies ist jedoch nicht das Schlimmste am Tempelbesuch, denn das Gedränge im Dunkeln und der Hitze ist angsteinflößend und zu guter Letzt beginnt es noch intensiv zu regnen, was das Verlassen des Tempels nicht erleichtert. Trotz der vielen interessanten Reliquien und dem historischen Schauplatz freuen wir uns, nach dem Regen am Platz vor dem Tempel die Souvenirläden besuchen zu können.
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Sa, 16.Juni - Lhasa, Drepung und Sera Kloster

Wir glauben nicht, dass die Sicherheitsvorkehrungen noch intensiver sein können als im Jokhang-Tempel, werden aber beim Drepung-Tempel, dem ersten Ziel unseres heutigen Tagesprogramms eines besseren belehrt. Die Unruhen von 2008 sind nämlich von diesem Tempel, der eigentlich eine Universität mit 4 Fakultäten ist, ausgegangen. Dementsprechend gibt es nicht nur am Eingang sondern auch innerhalb des Klosters zahlreiche Polizisten, die für Ruhe und Ordnung sorgen. Gegenüber dem Potalapalast dürfen wir hier, gegen Bezahlung (je Raum ca. 10-20 Huan) sogar fotografieren, was sich in einigen Räumen aufgrund der interessanten sakralen Gegenstände durchaus lohnt. Auch dürfen wir dem gemeinsames Essen der Mönche mit begleitendem Meditieren beiwohnen, was uns erste Einblicke in das Leben der Gottesdiener ermöglicht.

Vor dem Kloster werden kleine Lehmfiguren verkauft, die nicht nur aus Lehm sondern auch aus der Asche verstorbener Buddhisten hergestellt werden. Dabei ist es wichtig zu wissen, dass die Buddhisten 2 Begräbnisformen kennen: Feuerbestattung (Leichnam wird zerstückelt, den Vögel zum Fraß vorgeworfen die Reste werden verbrannt und in die Lehmfiguren eingearbeitet) und Wasserbestattung (Leichnam wird zerstückelt und in einen Fluss geworfen, wo die Fische den Rest besorgen).

Bei der Höhenlage möchte man meinen, dass es in Lhasa eher kalt sein müsste, wir können uns aber beim Besuch des Sera-Klosters am Nachmittag vom Gegenteil überzeugen: die Hitze
ist enorm und dennoch arbeiten zahlreiche Personen an der Renovierung des Klosters: junge Frauen tragen Rucksäcke mit Steinen und Beton in den zweiten Stock! Für die etwas gemütlichere Beladung stehen dann die Vertreter des starken Geschlechts zur Verfügung.

Highlight des Nachmittags ist die Teilnahme am Lernritual der Mönche, wo das am Vormittag erworbene Wissen in Form von tänzerischen Prüfungsritualen abgefragt wird. Nach der Frage durch einen Kommilitonen klatscht dieser mit vollem Körpereinsatz in die Hand, wartet und bestätigt (oder verwirft) die Antwort mit der entsprechenden körperbetonten Geste.

Eine weitere Verschärfung der Sicherheitsvorkehrungen (angeblich ist der Dalai Lama am selben Tag mit der englischen Königin zusammengetroffen, und so befürchten die chinesischen Behörden, dass Mönche die mediale Aufmerksamkeit ausnützen könnten) trifft uns hart: es herrscht mehr oder weniger Ausgangssperre und so verbringen wir den Abend bei ein paar Bier und genießen den Ausblick auf den Potala-Palast bei Nacht, da wir uns, wie viele andere Reiseteilnehmer, nicht für die Teilnahme an einer fakultativen Folkloreveranstaltung begeistern können.
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So, 17.Juni - Lhasa, Sommerpalast und Sera-Kloster

Ebenso wie der Besuch des Drepung-Klosters ist auch der Besuch des Sommerpalasts der Dalai Lamas als Ersatz für den entfallenen Aufstieg zum Mt.Everest außerhalb des offiziellen Programms, was leider dazu führt, dass man am Ende des Tages genügend Klöster bzw. Tempel gesehen hat, zumal die Unterschiede für uns Außenstehende nicht wirklich dramatisch sind. Selbst die Sommerpaläste (es ist nicht ein Sommerpalast, sondern jeder Dalai Lama, zumindest die, die nicht nach kurzer Amtszeit um Amt und Leben gebracht wurden (die mit den Ordnungszahlen 7, 8, 13 und 14), hatte natürlich seinen eigenen Palast) weichen stilistisch nur wenig von den bisherigen Klöstern ab, außer der des aktuellen Dalai Lamas (wurde von ihm bis zu seiner Flucht im Jahre 1959 verwendet), wo sogar Bad und Stereoanlage (Geschenk aus Indien) vorhanden sind. Dennoch bleibt ein eher zwiespältiger Eindruck, der noch durch die verendenden Fische im Schlossteich und den miserablen Sanitären anlagen unterstrichen wird.

Als letztes Kloster besuchen wir in Lhasa ein Frauenkloster gleich in der Nähe des Jonkhang-Klosters, wo wir wir den meditativen Klängen, die von Früh bis Spät von den Nonnen angestimmt werden, lauschen können. Hier kommt erstmals das Gefühl einer gewissen inneren Ruhe auf.

Der Abend bringt zwei absolute Highlights des Tibet-Besuchs: zuerst geht es zum Yaksteakessen (eigentlich ist ein Yak ein männliches Rind, während das Weibchen Dri genannt und als solches auch eher verspeist wird) was mit einem Schluck Wein ein herrliches Abendessen ergibt. Danach besuchen wir den Potala-Palast, der mittlerweile hell erleuchtet von zahlreichen Einheimischen und Touristen besucht wird, da am Platz davor bei Musik und Springbrunnen eine sehr imposante Lichtershow für beeindruckende Stimmung sorgt. Angesichts des würdevollen Ambientes ist diese Show noch besser als die von Xian.

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Mo, 18.Juni - mit dem Bus von Lhasa nach Shigatse

Wir verlassen Lhasa und machen uns auf dem „Freundschaftshighway“ auf den Weg nach Kathmandu, was uns in den nächsten 3 Tagen quer über das tibetische Hochland (Durchschnittshöhe deutlich über 4000m) führt. Der Freundschaftshighway ist dabei ein Stückerl länger, denn der beginnt in Shanghai und endet auch in Kathmandu. D.h wir werden auf der insgesamt etwas als 1000km langen Strecke von Lhasa nach Nepals Hauptstadt, ca 20% der Gesamtstrecke sehen.

Am ersten Tag ist unser Ziel die Stadt Shigatse (auch Xigaze geschrieben), etwa 370km von Lhasa entfernt. Auf der Strecke werden 2 Pässe mit jeweils mehr als 5000m überquert. Beeindruckend ist der riesige Yamdrock Tso (Yamdrock See), der in über 4400m Seehöhe, in Mitten der sonst kahlen Landschaft mit seinem türkisblauen Wasser und der gewaltigen Insel, sehr erfrischend wirkt. Andererseits sehen wir aber auch zahlreiche 6, 7 und 8000er mit massiven Gletschern.

Auf der Strecke kommen wir im heiligen Ort Gyantse vorbei, wo wir das berühmte Palkhor Kloster mit seinem großen Turm (oder wie auch immer man das 7-stöckige tortenförmige Gebäude nennen mag) besuchen und uns über den Fernblick über die „Kornkammer Tibets“ freuen.

Unser Ziel Shigatse gleicht leider eher einer Baustelle: während halb China mit neuen Wolkenkratzern einen Bauboom erlebt, scheint sich dieser in Shigatse nur auf die Straßenbauaktivitäten zu beschränken. Im Nachhinein betrachtet müssen wir auch das Hotel positiv erwähnen, denn die beiden dann folgenden Unterkünfte (in Tigri und Zhangmu) mögen zwar der kargen Gegend entsprechend sein, aber sind weniger nach unserem Geschmack.

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Di, 19.Juni - mit dem Bus von Shigatse nach Tingri

Oha, ein Kloster bleibt uns nicht erspart: es ist das Kloster des Pantschen Lama in Shigatse, wobei der Pantschen Lama eher selten hier her zurückkehrt sondern sich eher in Peking aufhält. Nun gut, wir treffen den Pantschen Lama weder hier noch in Peking, dafür teilen wir uns seine heiligen Räume mit zahlreichen Pilgern, was zu teils beklemmenden Gedränge in den dunklen, mit Butterkerzen erleuchteten, Räumen führt.

Nicht viel weniger Gedränge herrscht am Markt von Shigatse, wo neben den alltäglichen Dingen auch zahlreiche Souvenirs angeboten werden. Das es mittlerweile schon fast Mittag ist, gibt es dann ein recht typisches tibetisch-chinesisches Mittagessen, bevor wir die 240 km nach Tingri in Angriff nehmen. Auch dieser Weg ist mit zwei höheren Pässen gepflastert, wobei der 5250 m hohe Gyatso-La-Tingri-Pass zugleich der höchste Punkt unserer Reise ist. Und obwohl die Luft eher knapp ist (man merkt auf 5250m jede hektischer Bewegung) treffen wir zahlreiche tibetische Nomaden mit ihren Traktoren auf diesem Pass. Das Panorama ist übrigens gewaltig: zahlreiche 7000 und 8000er in Reih’ und Glied, Einer neben dem Anderen.

Und dann kommen wir zur Stelle wo wir erstmal den Mt.Everest persönlich kennen lernen könnten: in einigen zig Kilometern Entfernung präsentiert sich der 8840m hohe Berg - aber verdeckt durch Wolken. Schade.

Schlimmer trifft uns aber das Hotel im Zielort Tingri (eigentlich Neu-Tingri), denn das ist mit Abstand das schlimmste Hotel der ganzen Reise: verdreckt und ungepflegt. Da wir aber ausreichend müde sind fällt es uns dennoch nicht wirklich schwer einzuschlafen.
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Mi, 19.Juni - von Tingri nach Zhangmu

Wieder gilt es recht früh aufzustehen, denn es warten weitere 250km am Freundschaftshighway bis zur Grenzstadt Zhangmu. Und wie immer erwarten uns auf dieser Strecke zwei Pässe (ebenfalls mit ca. 5000m Höhe).

Unterwegs kommen wir noch am traurigsten Punkt der Reise vorbei: der Abzweigung zum Basislager des Mount Everests. Wir fotografieren zwar die Wegweiser, aber sehen noch immer nicht den höchsten Berg der Erde. Die Idee ganz einfach dorthin zu fahren wird übrigens nicht in Erwägung gezogen, denn mittlerweile hatten wir schon 2 Polizeisperren passiert und drei weitere würden noch folgen …

Aber der Mount Everest zeigt sich versöhnlich: wir erhalten einen beeindruckenden Anblick auf die gesamte Himalaya Kette - mit dem Everest. Interessant ist, die Wolkenformationen im Bereich des Everestgipfels alle Minuten ändern - und so ergeben sich zahlreiche nette Fotomotive.

Wir fahren weiter und erleben die wohl spektakulärste Fahrt des Urlaubs: Wir verlassen das tibetische Hochland (der letzte Pass ist wieder über 5100m hoch) und fahren den Südhang des Himalayas Richtung Zhangmu. Der Weg führt durch eine Schlucht, die vor wenigen Wochen noch wegen eines Erdrutsches (eher massiven Steinschlages) für einige Tage gesperrt war. Die Flanken derSchlucht sind einige hundert Meter hoch und wir befinden uns auf der schmalen Straße quer durch den sich mittlerweile vorherrschenden Regenwald. Ja, innerhalb von ein paar Kilometer wechselt die Vegetation vom kargem Hochlandbewuchs auf das saftiges Grün des Regenwalds. Mörderische Wasserfälle begleiten uns bis nach Zhangmu.

Zhangmu residiert übrigens wie ein Wespennest in dem von Wasserfällen zerklüfteten Berg - es gibt eine Straße die sich durch den Ort schlängelt und von nepalesischen LKWs verstopft ist, die Waren zwischen den beiden Ländern austauschen.

Bevor wird dann in einer Art Stundenhotel übernachten, gibt es noch das Abschiedsessen mit unseren Reiseführern, da morgen das Land und die Reiseleitung gewechselt wird. Adressen werden ausgetauscht und nach ein paar Bier sind alle trotz Abschiedsschmerz nach 14 gemeinsamen Tagen recht lustig drauf.

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Do, 21.Juni - von Zhangmu nach Kathmandu

Wieder ein früher Weckruf denn wir müssen rechtzeitig an Grenze, welche nur ein paar Kilometer weit von unserem Hotel entfernt ist. Doch bei dem Verkehrsaufkommen, mit den LKWs und den engen Straßen könnte die Anfahrt zur Grenze grenzenlos dauern. Wir sind also gut 2 Stunden vor der Öffnung des Grenzpostens, um 10:00 Uhr, als Erste vor dem Gebäude der Grenzabfertigung. Wir werden von unseren beiden Reiseführern nochmals kurz instruiert, wie wir uns zu verhalten haben und dass wir kein Buch über Tibet (sofern nicht ausdrücklich „autonome Region Tibet“) oder gar Literatur über den Dalai Lama über die Grenze bringen sollen, was uns zwar unlogisch erscheint, weil wir ja aus China hinaus wollen, letztendlich aber bei der Kontrolle bestätigt wird: wir müssen unsere Koffer öffnen und sämtliche Bücher werden genauestens inspiziert. Dann können wir über die chinesisch-nepalesische „Freundschaftsbrücke“ spazieren und dann in Nepal offiziell um Einreise ersuchen - was 25 EUR/Person kostet. Damit haben wir Nepal betreten und möchten mit dem Bus weiter bis nach Kathmandu fahren, was kein Problem wäre, wenn nicht ein Erdrutsch die Straße verschüttet hätte.

Also warten wir erstmal in einem nahe liegenden Gasthaus die Zeit ab und lassen uns von unserem neuen nepalesischen Reiseführer die ersten Informationen zu Nepal geben. Ganz wichtig ist es zunächst die Uhr um 2 1/4h gegenüber China umzustellen - aus 10:30 wird nun 8:15 (wie kann man nur so eine Zeitzone wählen?) und dann erkennen wir auch schon die Unterschiede zu China: Nepal ist eines der ärmsten Länder der Welt (noch um einiges ärmer als Indien), und das verschlägt uns zunächst die Sprache. Kinder neben Haustieren im Dreck, ein paar privilegierte Kinder werden dennoch vom Schulbus abgeholt, Frauen waschen vor ihren Häusern die Wäsche aber alle sind freundlich und winken uns auch zu … Man muss sich daran erst gewöhnen.

Unser Reiseführer meint nach etwa einer Stunde, dass es keinen Sinn macht hier auf die Beseitigung des Erdrutsches zu warten, wir fahren deshalb zum Ort des Geschehens und erwarten dort einen Trupp von Arbeitern die die Mure von der Straße entfernen. Doch weit gefehlt: hunderte Schaulustige schauen 2 Arbeitern zu die, nicht etwa die Mure wegschaufeln, sondern ein paar Steine in den Gatsch kippen, damit die ersten Autos drüberhinweg fahren können. Der erste Wagen schafft es beim 6. Versuch, der nächste Wagen ist nach dem gefühlten 40.Versuch noch immer nicht drüben. Unser Bus wird vorgelassen und ist, wohl aufgrund seiner Räder und Bodenfreiheit gleich beim ersten Versuch auf der anderen Seite der Mure. Aber was bringt uns das? Nichts, denn auch auf der anderen Seite wird versucht die Mure zu queren und so behindern sich die einzelnen Autos so, dass gar niemand mehr weiterkommt. Wir als Österreicher kennen solche Situationen gar nicht, denn abgesehen, dass die Straße sicherlich gesperrt worden wäre, hätte auch unsere Polizei für Ordnung im Chaos gesorgt. Hier muss einer unserer Mitreisenden eingreifen und die einzelnen Autos (LKWs und PKWs) entsprechend einweisen, damit das Chaos sein Ende hat und wir mit einer Verzögerung von gut 2 Stunden wieder weiter nach Kathmandu fahren können.

Die Schlucht, der wir schon auf chinesischer Seite entlang gefahren sind wird ein wenig weniger schlimm, da es an Höhe fehlt und uns „nur“ mehr 100m Höhe bis zum Talboden bleiben, dafür werden die Straßen umso krimineller. Nicht geteert sondern nur geschottert ist der Feundschaftshighway, es bleibt selten mehr Platz als für ein Auto, entgegenkommende Fahrzeuge müssen öfters warten damit wir gefahrlos weiterkommen. Ein einziger kleiner Abrutsch der Straße und wir fallen 100m runter in den Fluss … das kitzelt die Nerven. Zusätzlich verschärft einsetzender Regen die Situation - angeblich ist das der beginnende Monsun der uns nun eine gatschige Straße beschert, aber von den Nepalesen meist sehnsüchtig erwartet wird.

Völlig überrascht werden wir nach fast 6 Stunden Fahrzeit in ein recht anständiges Restaurant gebracht wo uns auch ein sehr opulentes Büffet erwartet. Allerdings dauert es dann noch ca. eine Stunde bis wir in Kathmandu eintreffen. Obwohl die Millionenstadt an das erinnert, was uns über Indien erzählt wird, werden wir im tollen „Hotel Himalaya“ in Patan untergebracht. Man fühlt sich komplett aus der Hektik des Straßenlebens herausgenommen, in Mitten einer Oase der Ruhe. Das soll aber nicht darüber hinweg täuschen, dass Kathmandu mit offiziell nicht einmal 1 Million Einwohner etwa 4 Millionen Einwohner hat und dementsprechende soziale und ökologische Probleme aufweist. Die Umweltprobleme sind uns bereits beim Überqueren der Bagmati-Brücke aufgefallen, da offenbar alle Abwässer ungeklärt in den Fluss eingelassen werden, der Gestand ist erbärmlich - aber vielleicht nimmt der Monsunregen den Dreck mit …

Viel Zeit darüber nachzudenken bleibt uns aber nicht, da wir uns für den früh-morgendlichen Himalaya-Rundflug entschieden haben, und so recht bald im Bett landen, damit wir uns von den Strapazen der Busfahrt erholen können.
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Fr, 22.Juni - Kathmandu und Rückflug

Auch am letzten Tag stört uns der frühe Weckruf um 5:00 nicht mehr, denn wir haben uns freiwillig dafür entschieden einen fakultativen Himalaya-Rundflug zum Mount Everest zu unternehmen. Unsere Bedenken bezüglich Wetter und Flugzeug (Buddha-Air?) sind zwar angebracht, aber das Flugzeug ist wesentlich besser in Schuss als so mancher afrikanische Flieger von unserer Kenia-Reise, und ab einer Flughöhe von 4000m sehen wir unter uns die Wolken und die 8000m hohen Berge die darüber hinaus wachsen. Selbstverständlich können wir den Mount Everest klar und deutlich vor uns im Sonnenlicht erkennen. Das T-Shirt mit der Aufschrift „I did not climb Mount Everest … but I touched it with my heart“ wird gekauft und verstanden.

Zurück im Hotel wartet erst das üppige Frühstück auf uns. Wir sind beeindruckt, dass wir in einem der ärmsten Länder der Erde ein so üppiges Frühstück serviert bekommen. Dann geht es zur Besichtigung von Kathmandu, welches mittlerweile mit Patan und weiteren Städten zu einem gewaltigen urbanen Ballungsraum verschmolzen ist.

Unsere erste Station ist die Innenstadt von Kathmandu selbst, wo wir in einem der Klöster auch die ernannte Göttin Kumari treffen (Fotos sind leider streng verboten), sie zeigt sich uns ein paar Sekunden am Balkon. Dann geht es weiter zum Königspalast (Nepal ist seit 2006 eine Demokratie), wo uns diverse blutrünstige Geschichten, insbesondere die vom Massaker von 2001 und den diversen Gerüchten und Verschwörungstheorien, erzählt werden. Dennoch beeindruckt uns dieser Teil der Stadt gewaltig, denn wo findet man noch lebende Kühe mitten im Stadtzentrum einer Millionenmetropole? Etwas negativ fallen uns lediglich die zahlreichen Verkäufer auf, die uns teilweise kilometerweit verfolgen und uns Souvenirs, gestrickte Geldbörsen u.ä. „verrrrry cheap“ verkaufen wollen. Angesichts der vorherrschenden Armut verwundert uns das aber nicht wirklich, und wir kaufen auch viel ein ...

Wir wechseln dann nach Patan, wo uns im touristischen und religiösen Zentrum zahlreiche Paläste und Klöster erwarten. Außerdem gibt es im Tempelrestaurant ein ausgezeichnetes Mittagessen, welches wir bei strömenden Monsunregen im überdachten Gastgarten einnehmen. Hier nützen wir auch die Gelegenheit auf eigene Faust ein paar Seitengassen zu erkundschaften, bevor wir wieder mit Reisegruppe und Reiseführer ein paar Tempel besuchen. Ein Tempel fällt dabei aus dem Rahmen, denn gewisse Teile des Tempels dürfen nur betreten werden, wenn man vegan (also ohne tierische Produkte) angezogen ist, d.h. mit Lederschuhen oder Ledergürtel gibt's keinen Zugang

An keinem Ort vergeht die Zeit so schnell wie hier in Kathmandu, und um 17:00 müssen wir zurück ins Hotel zum Herrichten für den Rückflug, der uns ab 23:00 wieder nach Doha bringt. Der internationale Tribhuvan Flughafen von Kathmandu ist zwar der modernste Airport Nepals (und somit nicht mit dem berüchtigten Jomsom Flughafen vergleichbar), aber man kommt sich doch ein paar Jahre in die Vergangenheit zurückversetzt vor.
Bei der Ankunft in Doha um 1:30 (Ortszeit) wird uns erst bewusst was uns nun erwartet, denn unser Anschlussflug nach Wien startet erst um 8:40. D.h. 7 Stunden warten in einem überklimatisierten und stark unterkühlten Flughafengebäude mit überteuerten Duty-Free-Shops und spärlicher Versorgung mit Getränken …

Anyway, wir haben Doha überlebt, den Flug nach Wien mit einer gewissen Vorfreude genossen und sind letztlich wohlbehalten in Wien gelandet.

Leider bleiben uns keine zwei Tage Zeit bis es mit dem Job wieder weitergeht, und so muss die Nachbearbeitung der Texte und Bilder noch ein paar Wochen warten.
Nachwort

Auch wenn ich mich über einige der Besuchspunkte etwas negativ geäußert habe, so zählt diese Reise sicherlich zu meinen beeindruckendsten Erlebnissen. Gerade ab dem Punkt wo das „China-Standardbesuchs-programm“ aufgehört und das abenteuerliche „erforschen“ des tibetischen Hochlands begonnen hat, sind weitaus nachhaltigere und einprägsamere Momente entstanden, die mich zum intensiven Nachdenken angeregt haben.

Erstmals nach einer Reise dauert die Nachbereitung, die Auseinandersetzung mit den gesammelten Erfahrungen, länger als die Reise selbst, zumal in den Wochen nach unserer Rückkehr Heinrich Harrer, der mit dem Buch „Sieben Jahre in Tibet“ das Land unserer Kultur erst näher gebracht hat, seinen 100.Geburtstag gefeiert hätte. Diverse TV-Dokumentationen (insbesondere die Doku in Servus TV mit zahlreichen historischen Filmausschnitten) und natürlich die Verfilmung von „Sieben Jahre in Tibet“ mit Brad Pitt werfen ein etwas anderes Licht auf das Tibet, welches wir vor wenigen Wochen bereist hatten …