Ich glaube an die normative Kraft des Faktischen

Vorarlberg
Kennst du alle 9 Bundesländer Österreichs? Nicht nur vom Namen, sondern warst du auch schon vor Ort? Eine Sonderstellung hat bei mir immer das Ländle, welches sich selbst aufgrund seiner geografischen Lage eher als Teil der Schweiz gesehen hat, und damit beweist, dass es für Ostösterreicher eher schwer zu erreichen ist. Schon die Distanz von über 750 km zwischen Wien und Bregenz ist eine Hürde die eher mit dem Flugzeug genommen werden will als mit der Bahn oder dem Automobil.

Anreise mit den ÖBB
Da aber die Österreichischen Bundesbahnen in den Frühjahrsmonaten als “BahnCity-HIT Frühling” immer recht interessante Bahn/Hotelangebote offeriert, sind wir der Versuchung erlegen die 770 km mit der Eisenbahn zu bewältigen. Für zwei Personen mit dem Railjet von Wien nach Bregenz und retour (Umsteigen in Feldkirch) plus eine Übernachtung im Hotel Mercure direkt am Bodensee um 250 € liegen im Bereich unserer finanziellen Erwartungen.
Abfahrt 7:14 vom Wiener Westbahnhof, via Linz, Salzburg und Innsbruck geht es zeitweise mit Tempo 200 bis nach Feldkirch wo wir in den Reginalzug nach Bregenz umsteigen müssen. Platzmäßig einem Flugzeug ähnelnd, dafür aber reichlich freie Plätze, so präsentiert sich
der Österreichische Schnellzug der uns für sechs ein halb Stunden quer durch die Alpenrepublik schleppt. Nein, eher schon katapultiert. Legal kommt man mit dem Auto nicht so rasch von Ost nach West. Außerdem sorgen Speisewagen und mobile Snackbar mit freundlicher Bedienung für Befriedigung von Hunger und Durst.
Hier die Abfahrtszeiten
  • 7:14 Wien Westbahnhof
  • 7:57 St.Pölten
  • 8:51 Linz
  • 10:02 Salzburg
  • 11:54 Innsbruck
Zwischen Salzburg und Innsbruck verkehrt der Railjet teils über deutsches Hochheitsgebiet und teils über die Neubaustrecke durch das Inntal. Traunstein, Rosenheim, Kufstein, Wörgl, Jenbach, … alles Orte durch die unser Zug durchbraust um dann mit 5 Minuten Verspätung in Innsbruck einzutreffen.
Ab Innsbruck fungiert der RJ160, so die offizielle Bezeichnung, wohl eher als Regionalzug und bleibt bis Feldkirch noch dreimal in diversen Dörfern am Arlberg stehen. Dadurch verlieren wir nicht nur reichlich Zeit, sondern damit vermasselt sich das Aushängeschild der Österreichischen Bundesbahnen die bisherige exzellente Durchschnittsgeschwindigkeit.

Bregenz - Tag 1
Mit 28.012 Einwohnern (lt. wikipedia) eine der kleineren Landeshauptstädte zeigt sich nach dem Durchzug einer Kaltfront eher von seiner kühlen Seite, aber es regnet wenigstens (noch) nicht. Also nichts wie Einchecken im Hotel und dann mit dem Fotoapparat auf Motivsuche. Aber schon bald stellt das Wetter klar, dass es nicht im Entferntesten daran zu denken gedenkt, sich an den Wetterbericht zu halten und uns am Nachmittag von Regen zu verschonen. Im strömenden Regen geht es zurück ins Hotel zum Trockenföhnen und Regenschirm ausfassen. An eine weitere Stadttour ist nicht zu denken, deshalb machen wir halt das, was bei Regenwetter noch am ehesten unternehmbar ist nämlich Shoppen.
St. Margareten ( Schweiz)
In Bregenz wär’s vermutlich langweilig, aber im Rheinpark in St.Margareten in der Schweiz könnte es ja vom Konsumangebot interessanter sein. Mit dem Zug nach St.Margareten und mit dem Bus in den Rheinpark, die reine Fahrzeit beträgt etwa 15 min., aber mit dem Warten auf die Öffis geht es in beiden Richtungen jeweils nicht unter einer Stunde. Aber es zahlt sich aus, zumindest für Migros (dem schweizer Billa), wo wir von einem Fünftel der angebotenen Schokoladesorten jeweils eine Tafel mitnehmen, insgesamt 15 Tafeln … Das restliche Angebot ist zwar interessant, aber für unseren Geschmack unerschwinglich teuer.
viva cantina
Nach dem Abladen der Schokolade im Hotel (wir sind ohne Ausfüllen irgendwelcher Import/Export Dokumente über die Grenze gekommen) machen wir uns auf dem Weg zum Abendessen ins viva cantina, einem mexikanischen Restaurant, welches mir von Arbeitskollegen unbedingt empfohlen wurde. Geheimtipp scheint das aber keiner gewesen zu sein, denn wir bekommen nur deshalb noch einen Platz, weil wir versprechen, dass wir bis 20 Uhr wieder weg sein werden. Das Essen entspricht voll und ganz den gestellten Erwartungen: gut, freundliche Bedienung und auch quantitativ ok. Preislich aber scheint die Nähe zur Schweiz durchzuschlagen. Was soll’s, wir genießen die mexikanischen Spezialitäten inkl. einem Tequila (weder mit Wurm noch mit Salz und Zitrone) und begeben uns zur Nachtruhe ins Hotel. Ok, zuvor gibt es im hoteleigenen Restaurant noch ein Bier.

Bregenz - Tag 2
Die Qualität eines Hotels messen wir mittlerweile nicht nur am Allgemeinzustand, Sauberkeit und Freundlichkeit des Personals, sondern ganz besonders am Frühstücksbuffet. Diesmal sind wir damit ganz zufrieden da Auswahl und Qualität passen, wenngleich der Kaffee eher einem deutsche Kaffe (Betonung nicht am hinteren ‘e’ sondern am einleitenden ‘Ka’)
Pfänder
Frisch gestärkt geht es dann zur Pfänderseilbahn, welche uns in 6 Minuten auf den 1064m hohen Hausberg der Bregenzer bringt. Das heutige Wetter entschädigt uns für die gestrige Platscherei und die Fernsicht über den Bodensee lässt uns auch den kalten böigen Wind vergessen. Wir glauben fast bis nach Konstanz sehen zu können und Lindau sieht von heroben ganz niedlich aus.
Lindau
Wieder auf Normalniveau besichtigen wir den Hafen und ringen uns durch, die Schiffslinienverbindung nach Lindau zu testen, welche uns recht günstig erscheint. 30 Minuten Warterei (bei einem Kaffee) und 22 Fahrminuten später legen wir im idyllischen Hafen von Lindau an, nachdem wir zuvor den Leuchtturm und den Hafenlöwen passiert haben. Alte Fachwerkbauten, wunderschön bemalte Häuser und wärmende Sonne ohne Wind machen aus diesem Spontanabstecher in den Allgäu ein Highlight des Wochenendes, obwohl die Insel sehr touristenhaft besucht wird. Sorry, ich hab' wohl vergessen, dass ich selbst einer davon bin.
Heimreise
In Bregenz beginnt dann die Suche nach einem geeigneten Mittagessen. Diesmal sollte es wirklich typisch vorarlbergerisch sein, aber so Buden wie dem Bregenzer Kebap misstrauen wir. Die iPhone-App Bregenz hilft uns auch nicht weiter, da dort die Restaurantkette Wienerwald als lokale Küche untergejubelt wird. Wir entscheiden uns dann aber für den Montafoner Hof, wo wir endlich natives Vorarlberger Essen serviert bekommen. Die Schweinsmedaillons in Käsespätzle geben uns die Kraft für die dann anstehende Heimreise im diesmal fast überfüllten Railjet 169, der uns um 22:44 am Wiener Westbahnhof abliefert.
Fazit
Sechs Bundesländer und drei Staaten, zwei mal 770 km mit der Eisenbahn, zwei Seilbahnfahrten und zwei Schiffsfahrten, dreimal gut Essen, einige hundert digitale Fotografien und die Erkenntnis, dass man uns auch in Vorarlberg versteht: das ist das zweifellos positive Resume des “Bahncity Hit Frühlings” in Bregenz. Und natürlich auch 12 Tafeln feinster Schweizer Schokolade (drei Tafel wurden mittlerweile bereits verkostet) ….
Hier geht es zum Picasa Album.