Jerry Lee Lewis, Graz 2010

Jerry Lee Lewis, Graz 2010-10-28

Das Konzert

Nun kommt JLL beinahe jährlich zu Besuch nach Österreich: 2008 in Wien, 2009 in Linz und 2010 ist Graz an der Reihe, dort wo er schon im Dezember 1990 aufgetreten ist (damals im Orpheum, nun im etwas größeren Kammersaal). Nach dem desaströsen Auftritt bei Best-Buy in New York (mit Stock und fremder Hilfe betritt er die Bühne und spielt 3 Lieder) sind Erwartung sehr, sehr gering. Doch offenbar genau dann, wenn es Schluss zu sein scheint, rappelt er sich auf und liefert in Graz das beste Konzert seit langem.Übertroffen wird es nur vom Meeting im Hotel Europa wo sich alle Bandmitglieder, Linda Gail und auch Phoebe mit den wenigen anwesenden Fans nette Worte austauschen und auch angeregte Diskussionen liefern. Aber alles der Reihe nach.

Kaum Werbung für das Konzert!

Wie schafft es Jerry trotz minimalster Plakatwerbung, ohne massenhafter Zeitungsberichte, … locker 900 Personen in den Kammersaal der Stadt Graz zu bringen? Die Berichterstattung in Österreichs Medien hat das Konzert völlig ignoriert. Lediglich in der steirischen Kleinen Zeitung wird gelegentlich auf das Konzert hingewiesen. Offenbar ist es doch wichtiger über das Liebesleben irgendeines gesuchten/gefundenen „Superstars“ zu berichten als über eine noch lebende Legende der Musikgeschichte. Nicht weniger wird auch „Mean Old Man“ ignoriert – wenngleich ein paar echte Fachzeitschriften ausschließlich positiv darüber berichten.

Fotografieren verboten!

Die nächste Enttäuschung war die Tatsache, dass der Veranstalter (wieder einmal) darauf besteht, dass keine Fotoapparate zum Konzert mitgenommen werden dürfen, was angesichts der fortschreitenden Miniaturisierung idiotisch ist, denn jedes Handy kann mittlerweile Fotos schießen und Filme drehen. Gottseidank greift Plan B und ich schmuggle meine Nikon S600 Kompaktkamera in den Konzertsaal. Leider ist bei diesen besonderen Lichtverhältnissen die Kamera etwas überfordert, erledigt ihren Job jedoch den Umständen entsprechend ganz gut.

Linda Gail Lewis

Die Zeiten, als Linda noch im Hintergrund die Harmonien zum Gesang des großen Bruders gesungen hat, sind längst vorbei. Während der letzten 20 Jahre hat sich die hübsche Schwester zur arrivierten Solokünstlerin gemausert und eine stattliche Anzahl eigener LPs/CDs bzw. ein Duett-Album mit Van Morrison veröffentlicht. Musikalisch orientiert sie sich am Rock&Roll und Country-Style ihres Bruders, nimmt jedoch auch reichlich Nummern anderer Rock & Roller auf.

Sie betritt unspektakulär mit 3 britischen Musikern die Bühne, legt ihre überdimensionale Handtasche zu Ihren Füßen und hämmert ins Klavier …. Was Jerry heute nicht bringen wird, das bringt Linda Gail im Vorprogramm: „It’ll Be Me“, „Old Black Joe“ und „Lovin‘ Up A Storm“ sind nur drei der wunderbar interpretierten Songs die untrennbar mit der Familie Lewis verbunden sind. Und auch Tochter Annie Marie Dolan hält die Familientradition hoch und singt nicht nur im Background sondern auch den Titel „Should I Ever Love Again?“ von ihrer neuen CD.

Genauso unspektakulär wie sie gekommen ist, möchte Linda auch wieder gehen, aber das Publikum lässt das nicht zu: Standing Ovations und ein englisch-deutscher Chor aus „More, More“- und „Zu-Ga-Be“-Rufen zwingen zur Zugabe: Cottonfields. Dann muss sie aber wirklich gehen …

Pause

Die halbstündige Pause nützen wir zum Smalltalk und um die angekündigten Mitglieder des JLL-Forums zu finden. Aber wie findet man in einer Gruppe von 900 Leute zwei Personen die sich „etwas“ intensiver mit dem Killer beschäftigen? Man spricht ein paar andere Leute an und trifft tatsächlich Wolfgang Guhl und Bluesinc (Künstlername). Man vereinbart, dass man nach dem Konzert im Hotel Europe ein Bier kippen geht, wohl um das erwartete Desaster zu vergessen. Wir sollten uns aber irren!!

J.W.Whitten (Jerrys Freund aus Jugendtagen, zeitweilig Tourneemanager, Bodyguard und ständiger Begleiter) checkt für seinen Freund das Piano – und ich kann ihn dafür gewinnen, die aufliegende Setliste zu fotografieren. Trotz schwieriger Lichtverhältnisse (und einhergehendem Rotstich) gelingt dies wunderbar – das dürfte gleich die Setliste für die gesamte Tour sein…

Jerry Lee Lewis

Nachdem Kenny, B.B., Robert und Buck ihre Nummern im Rahmen des zweiten Vorprogramms zum Besten gegeben haben wird es spannend: kommt ER mit Stock? im Rollstuhl? NEIN, er betritt relaxed wie ein gut situierter 75jähriger Mallorca-Urlauber die Bühne: schwarzes Sakko, weißes Hemd, obere Knöpfe offen. Er setzt sich ans Klavier und legt los: Down The Line. Die Stimme ist geschmeidig (kein leises Krächzen wie vor ein paar Wochen in New York), das Klavier wird souverän bedient und die Stimmung ist .. FANTASTISCH. Ein Klassiker folgt dem anderen, Highlight ist das weniger häufig gespielte „She Even Woke Me Up To Say Goodbye“. Tadellos gesungen (ist nicht so einfach) und auch das Klavier im richtigen Moment eingesetzt – damit können der neuen CD „Mean Old Man“ durchaus weitere Tonträger folgen. Leider bringt er den erwarteten Titelsong der neuen CD, trotz meiner lautstarken Aufforderung, nicht. Nachdem ich wieder einmal „Mean Old Man“ gefordert habe reagiert er:

  • Big Boss Man? Meat Man?
  • Let me tell you that Meat Man is a risky song.
  • It might bring Jerry Lee Lewis into jail!
  • And Jerry Lee Lewis isn’t a risky person anymore … „

Das Publikum lacht, Jerry grinst und spielt (mit verzögertem Einsatz) „Mexicali Rose“. „Great Balls Of Fire“ und „Whole Lotta Shakin‘ Goin‘ On“ runden das gelungene Konzert ab – mit Zugaben rechnet eh keiner mehr.

Nach dem Konzert

Ein reines Jerry Lee Lewis-Konzert verlässt man am Ende. Ist jedoch Linda Gail dabei, dann gibt es im Foyer ein paar CDs zu kaufen und es gibt Autogramme und meistens auch Bilder, denn für Linda ist der Kontakt mit den Fans wichtig. Natürlich wird dabei auch mit den anderen Fans fachgesimpelt. Einer ist völlig außer sich: er ist nach dem Konzert sofort in Hotel Europa gerannt (wo JLL seit Mittwoch residiert) und den Killer beim Betreten des Hotels abgepasst, sich vor ihm auf die Knie gestürzt und um ein gemeinsames Bild gefleht. Obwohl Jerry Kopfweh gehabt hat (mehr dazu später) hat er gelacht und sich zum Fotoshooting (mit Handykamera) bereit erklärt. Das Foto hält er uns ganz stolz unter die Nase. Ja, so muss man es machen. Bravo!Hotel Europa

Gerhard und die Fans aus Kärnten machen sich auf den Weg zum Hotel Europa, meine Schwester Doris, meine Frau Gabi und ich begeben uns weniger später dorthin, und treffen in einer fast leeren Lobby ein … Wo sind die alle hin? Egal – wir setzen uns hin, bestellen Bier und unterhalten uns über das Konzert.

Bierflasche trifft Jerry am Kopf!!!

Plötzlich geht die Lifttüre auf und B.B.Cunningham betritt die Lobby. Schnell kommen wir ins Gespräch, und er erzählt, dass Jerry beim Verlassen der Bühne backstage eine Bierflasche am Kopf getroffen hat und er deshalb Kopfschmerzen hat und im Bett liegt. Die gute Performance erklärt B.B damit, dass Jerry nun doch Körperübungen macht – damit geht’s ihm besser und er hat bessere Stimmung. 

Kenny Lovelace

Mittlerweile ist auch Kenny in der Lobby eingetroffen und ich kann ihm die Frage stellen, die mich seit Mannheim 2008 beunruhigt: warum hat Jerry damals Kenny den Stinkefinger gezeigt? Die Antwort von Kenny: Jerry war damals nicht in der besten Stimmung und wollte von Ihm den Notenschlüssel zu einem bestimmten Lied wissen – Kenny hat aber den falschen Titel verstanden und somit Jerry den falschen Notenschlüssel mitgeteilt. Aber es war gleich wieder alles in bester Ordnung. 

Robert und Buck

Auch die beiden restlichen Bandmitglieder kommen in die Lobby und ich nütze die Chance ein Konzertplakat von allen Bandmitgliedern signieren zu lassen – eine Erinnerung an den Abend. Robert beweist gleich, dass er auch zeichnen kann und setzt unter seine Unterschrift eine Drums-Zeichnung. Buck hingegen erzählt mir lieber etwas von den Konzerten (u.a. Greatest Live Show On Earth) und Studioaufnahmen (u.a. One Minute Past Eternity, She Even Woke Me Up ..) mit Jerry.

Zwei Autogramme von Jerry

Da J.W.Whitten nun auch auftaucht frage ich ihn ob er meine beiden „Mean Old Man“ CDs Jerry zur Autogrammunterschrift vorlegen kann. Er sagt zu und verschwindet mit den beiden CDs für eine halbe Stunde. Als er wiederkommt meint er, dass Jerry nun endlich die europäische Version (ganz anderes Covers) seines neuesten Werkes gesehen hat und gibt mir die beiden CDs mit Autogramm zurück.

Linda Gail und der heulende Trommler

Als letzte trifft Linda Gail im Hotel ein, und hinter ihr ihr verheulter Schlagzeuger … Er ist in Tränen aufgelöst, es muss wohl etwas Schlimmes passiert sein. Und das ist es auch: SEINE Bierflasche hat den Killer am Kopf getroffen, weil er sie irgendwo blöd hinplatziert hat … Gotteslästerung erfolgt mit ein paar Worten – aber was dagegen ist die Verletzung mit einer Bierflasche? Aber Phoebe, die derzeit wohl wichtigste Vertraute des Killers, seine Tochter, Managerin und Lebensunterstützung beruhigt den Mann, denn Jerry ist wieder wohlauf. Phoebe ist nicht nur zum Trommler nett sondern auch zu uns Fans, leider nur sehr kurz, denn Sie muss für ihren Daddy noch etwas zum Essen besorgen.

Das Konzert hat wieder einmal bewiesen, dass man mit dem Killer immer rechnen muss – die folgende Tour dürfte wieder ein Erfolg für den Klavierzerstörer aus Ferriday, Louisiana werden. 

Jerry Lee Lewis Graz 2010

Nützt die Chance diese lebende Legende zu sehen!